Aufgaben & Ziele

Die Wanderbewegung kann in Deutschland auf eine lange und traditionsreiche Geschichte zurückblicken. Schon vor weit über 100 Jahren wurden die ersten Wandervereine gegründet. Bereits 1883 schlossen sich Wandervereine aus ganz Deutschland im Dachverband der Deutschen Gebirgs- und Wandervereine zusammen. Die meisten dieser Vereine waren in den Mittelgebirgsregionen Deutschlands entstanden. Diese Regionen gehörten eher zu den Verlierern der Industrialisierung, galten als rückständig und arm – wofür etwa der Spessart geradezu als Synonym für Armut und Unterentwicklung herhalten musste. Die Gründer der Wandervereine kamen häufig aus den benachbarten Städten, waren Ärzte, Beamte, Lehrer oder Kaufleute, die in den Mittelgebirgen als „Naherholungsräumen“ Erholung und Entspannung suchten. Ihre Interessen lagen aber nicht nur in der Ausweisung und Markierung von Wanderwegen, sondern sie engagierten sich für die Entwicklung der Mittelgebirgsregionen in denen sie regelmäßig wanderten. So gehörten zu den Aufgaben der frühen Wandervereine die Förderung von Tourismus und Gewerbe ebenso, wie eine teilweise romantisch motivierte Heimatpflege. Schließlich waren sich die „Städter“ des ungeheuer schnellen und tiefgreifenden Wandels von Wirtschaft, Gesellschaft und Umwelt sehr bewusst. So versuchten sie in ihren bevorzugten Wandergebieten lokale und regionale Besonderheiten in Kultur und Brauchtum ebenso zu bewahren, wie die Schönheit der gewachsenen Kulturlandschaft und den Reichtum der Natur. Die hier formulierten Aufgaben gehören noch heute zu den Säulen der Vereinstätigkeit in den Wandervereinen: Wandern und Wegemarkierung, Heimatpflege und Kulturarbeit, Naturschutz und schließlich die Förderung des heimischen Tourismus.

 

In vielen Regionen entstanden erst kleinere Vereine, die sich schließlich zu regionalen Verbänden zusammenschlossen, die noch heute die traditionelle Grundlage und das Rückgrat der Wanderbewegung bilden. Diese Regionalverbände orientierten sich ihrer Entstehungsgeschichte gemäß an den naturräumlichen Landschaften, eben meist den Mittelgebirgen, mit ihrer meist auch gemeinsamen Geschichte und Tradition. Dies drückt sich schon in den Namen der Regionalverbände aus, die meist nach ihren Räumen benannt sind, etwa Bayerischer Waldverein, Pfälzer Waldverein, Spessartbund, Odenwaldklub oder Rhönklub. Diese Regionalverbände haben sich über die großen Umwälzungen des 20. Jahrhunderts hinweg erhalten. Dabei wurden Landesgrenzen verschoben und Verwaltungseinheiten mehrfach neu definiert. So liegen viele dieser Regionalverbände heute in zwei oder mehr Bundesländern, von den zahlreichen Landkreisen einmal ganz zu schweigen, die oft auch nur mit Teilen ihres heutigen Umfanges im Verbandsgebiets liegen. So deckt der Spessartbund den ganzen Spessart ab, hat damit Anteile in Bayern und Hessen und sogar ein kleines Gebiet in Baden-Württemberg. Aus der Entstehungsgeschichte der Verbände heraus erklärt es sich auch, dass oft große und wichtige Ortsgruppen in den benachbarten größeren Städten liegen, im Spessartbund etwa in Frankfurt und Würzburg.

Diese komplexe Struktur führte auch zu einer nicht immer einfach zu verstehenden Verbandsstruktur in der Wanderbewegung. Die Ortsgruppen sind in den Regionalverbänden organisiert, diese im Deutschen Wanderverband zusammen geschlossen. In der föderalen Struktur der Bundesrepublik Deutschland liegen aber die wesentlichen Kompetenzen in Sachen Kultur und Naturschutz bei den Bundesländern, werden von diesen die entsprechenden Fördergelder verteilt. Viele Regionalverbände decken in den Mittelgebirgen Waldregionen ab, die vorwiegend im Besitz der Staatsforsten sind, die wiederum auf Länderebene organisiert sind. Einschlägige rechtliche Bestimmungen, etwa zur Markierungsfreiheit, dem Betretungsrecht der Wege, forstlichen Vorschriften etc. variieren von Bundesland zu Bundesland. Deshalb gründeten sich v.a. ab den 70er Jahren des 20. Jahrhunderts zahlreiche Landesverbände, die sich um das Verhältnis der Wandervereine zu den Landesregierungen und Institutionen der Bundesländer, wie etwa den Staatsforsten, den Vermessungsämtern, den Naturschutzbehörden kümmern sollten.

So wurde 1972 auch der Landesverband Bayern gegründet. Er hat seither eine Vielzahl von Grundsatzvereinbarungen mit der Bayerischen Staatsregierung abgeschlossen, etwa zum Verhältnis mit den Staatsforsten, zur Förderung des Wanderns durch die bayerische Staatsregierung, zum Verhältnis zwischen Radfahreren und Wanderern. Jüngst wurde der Grundlagenvertrag mit den neu gegründeten Bayerischen Staatsforstbetrieben zur Wegemarkierung im Gebiet der Staatsforsten geschlossen. Weitere Verträge, etwa mit dem Amt für Vermessung und Geoinformation werden gerade verhandelt. Auch werden über den Landesverband wesentliche Fördermittel vereinnahmt, etwa für die Wegemarkierung, und vom Landesverband an die Regionalverbände weiter verteilt. Der Landesverband stellt also die wichtigste Schnittstelle zwischen den Regionalverbänden und der Landesregierung, den Landesbehörden und Landeseinrichtungen dar. Zugleich ist er ein wichtiger Lobbyist für die Interessen der Wanderer, die er bei den Regierungen und Behörden vertritt. Der Landesverband ist in Bayern anerkannter Naturschutzverband, so wie dieser Status auf Bundesebene vom Bundesverband gehalten wird. Durch ihre Mitgliedschaft im Bundesverband wie im Landesverband erhalten auch alle Mitgliedsverbände das Recht sich an den relevanten Verfahren im Naturschutz zu beteiligen, ihre Interessen geltend zu machen und gegebenenfalls Einsprüche zu formulieren und zu vertreten. Über den Landesverband erfolgt auch die Mitgliedschaft in wichtigen Gremien, wie dem Sportbeirat oder den Umweltschutzbeiräten, die auf allen Ebenen von den Landkreisen über die Regierungsbezirke bis zur Landesebene beschickt werden können. So können sich die Ortsgruppen lokal, die Regionalverbände regional und der Landesverband landesweit in diesen Gremien artikulieren, ihre Interessen geltend machen und bei wichtigen Entscheidungen mitreden.Gemeinsam mit dem Bundesverband sichern die Landesverbände so die Beteiligung der Wandervereine in den Gremien und als wichtige Organe der Zivilgesellschaft bei der Gestaltung unserer Heimat und unserer Landschaft. Die Struktur ist dabei nicht immer einfach. Dies liegt in der Geschichte der Wandervereine begründet, die sich, wie oben beschrieben, nicht in den heutigen Verwaltungsgrenzen sondern in den natürlichen Räumen der deutschen Mittelgebirge entwickelt haben. So gehört der Spessartbund nicht nur dem Landesverband Bayern, sondern auch dem Landesverband Hessen und der Arbeitsgemeinschaft Baden-Württemberg an. Er ist in diesen Organisationen jeweils mit jenen Ortsgruppen und ihren Mitgliedern vertreten, die in den entsprechenden Bundesländern liegen. Ähnlich geht es vielen Regionalverbänden in Bayern, die eben auch grenzüberschreitend organisiert sind. Historisch war ihre gemeinsame Heimat immer der Deutsche Wanderverband. Durch die Realitäten des starken Föderalismus in Deutschland sind sie heute oft auch Mitglied in gleich mehreren Landesverbänden. Die Struktur der Landesverbände steht also neben - und bis zu einem gewissen Grad sogar außerhalb – des traditionellen Organisationsprinzips der Wandervereine: Ortsgruppe, Regionalverband, Bundesverband.

Dies führte in der Vergangenheit oft zu Problemen. Einzelne Regionalverbände fragten sich, ob eine Doppelmitgliedschaft in einem Landesverband und im Bundesverband wirklich notwendig wäre. Auch war die Stellung der Landesverbände innerhalb des Bundesverbandes nicht immer klar genug geregelt – und vor allem nicht transparent genug. In den vergangenen beiden Jahren wurde aber sehr intensiv daran gearbeitet, diese Verhältnisse besser zu definieren und zu klären. So haben die Landesverbände nun regelmäßige Sitzungen zwischen den Präsidenten der Landesverbände und dem Präsidium des Deutschen Wanderverbandes vereinbart. Der Austausch zwischen den Landesverbänden wird gestärkt, auf dem Deutschen Wandertag gibt es nun eine eigene Sitzung der Landesverbände mit dem Bundesverband. Der Bayerische Landesverband entwickelt gerade einen eigenen, umfangreichen Internetauftritt, in dem in Zukunft nicht nur über den Landesverband informiert wird, sondern die Mitglieder der Regionalverbände und Ortsgruppen sich auch wichtige Informationen über Verträge mit staatlichen Institutionen, Beispiele für naturschutzrechtliche Verfahren, Eingaben und Stellungnahmen, Musterverträge und Tipps zu Steuerfragen, Haftungsrecht und ähnlichen Problemen im täglichen Vereinsleben herunterladen können. Daneben werden Wandervorschläge und Karten aus den einzelnen Regionen die Webseite auch für den einzelnen Wanderer attraktiv machen.

Ein wichtiges Thema ist natürlich auch die Jugendarbeit. Gerade hier zeigt sich, wie komplex die Strukturen sind und wie wichtig die Zusammenarbeit der verschiedenen Ebenen. Denn die Beteiligung unserer Jugendgruppen an den Gestaltungsprozessen auf politischer Ebene wie der Zugang zu den nicht unerheblichen Fördermitteln, die für die Jugendarbeit von der Gemeindeebene bis zur Bundesebene ausgeschüttet werden, ist von einer funktionierende Kette von den Kreisen bis zum Bund abhängig. Die Jugendarbeit ist gesetzlich geregelt und baut auf den Kreisjugendringen auf, darüber die Bezirksjugendringe, die Landesjugendringe bis zum Bundesjungendring. Die Beteiligung an den höheren Ebenen hängt jeweils von einer ausreichenden Beteiligung auf den niedrigeren Ebenen ab. Reißt die Kette an einer Stelle, entsteht für alle Ebenen darüber ein Problem. Hier ist das Zusammenspiel von Ortsgruppen, Regionalverbänden, Landesverbänden und Bundesverband von vitaler Bedeutung – denn die Jugendarbeit ist die Zukunftsarbeit der Wanderbewegung.

Jugendarbeit, Naturschutz, Fördermittel, Absprachen und Verträge mit Forstbetrieben, Behörden, Staatsregierung oder anderen Verbänden bis hin zur günstigen Versicherung für unsere Mitgliedsvereine: die Arbeit der Landesverbände ist vielgestaltig und wichtig, wird aber vor allem dann wahrgenommen, wenn es Probleme gibt und es an einer Stelle hakt und die Hilfe des Landesverbandes angerufen wird. Da ist es besonders erfreulich, wenn der Landesverband einmal mit einer für allen positiven Meldung aufwarten kann, wie etwa dieses Jahr der Erhöhung der Zuschüsse für die Wegemarkierung auf mehr als das Doppelte bei gleichzeitiger Verbesserung der maximalen Förderquote von 20% auf 50% - ein Erfolg für den Landesverband aber eben auch für alle Wandervereine im Landesverband. Vieles wird von den Landesverbänden still im Hintergrund geleistet, aber die Reformen der letzten Jahre werden hoffentlich auch zu einer stärkeren Wahrnehmung in der Öffentlichkeit führen – vor allem bei unseren Mitgliedsvereinen.

Mit seinen fast 100.000 Mitgliedern ist der Bayerische Landesverband jedenfalls einer der stärksten in Deutschland, mit seinen zahlreichen Verträgen und Vereinbarungen mit Landesbehörden und Landeseinrichtungen sowie mit den vom Landesverband eingeworbenen und zu verteilenden Fördermitteln ist er auch einer der erfolgreichsten in Deutschland. Nimmt man sich aber die großen Naturschutzverbände oder Sportvereine zum Vorbild, dann bleibt noch viel Raum zur Entwicklung. Dafür braucht der Landesverband aber auch die Unterstützung all seiner Mitglieder. Denn die entscheidende Arbeit wird in den Ortsgruppen geleistet: direkt vor Ort, bei den Wanderungen, beim Markieren, in der Kulturarbeit, im Naturschutz und in der Jugendarbeit – dort wird die Arbeit gemacht, werden die Mitglieder gewonnen, wird die Landschaft gepflegt und werden die Wege markiert, dort spielt die Musik – die Dachverbände können ihren Beitrag dazu leisten, dass die Rahmenbedingungen stimmen, mit Leben können sie nur die Ortsgruppen erfüllen.