Wald und Wandern, Wanderverband Bayern

 

Waldforschung, Bayerische Landesanstalt für Wald und Forst



Großprivatwald/ Kleinprivatwald, Waldbesitzerverband

Der naturnahe Wald

Der naturnahe Wald ist eine Waldform mit einer Bewirtschaftung, die versucht die Risiken der klassischen Reinbestandswirtschaft zu mindern und die forstwirtschaftlichen, gesellschaftlichen und landeskulturellen Ziele eines Waldes mit natürlichen örtlichen Wuchsbedingungen und Wachstumsabläufen in Einklang zu bringen. Er steht praktisch zwischen dem reinen Urwald und unserem herkömmlichen gleichaltrigen, gleichförmigen Wald.

 

In den naturnahen Wäldern einer Landschaft mischen sich die Baumarten der örtlich vorkommenden autochthonen natürlichen Waldgesellschaft mit den noch standortstauglichen Arten anderer Landschaften einzeln und in Gruppen schwankender Größe, mosaikartig auf der ganzen Fläche.

Hier in den Mittelgebirgen war dies der montane Bergmischwald aus Buche und Tanne, mit Fichte und Bergahorn (ca. 500 – 900 m ü. NN) und Nebenbaumarten. Hinzu kam später mit dem Menschen die europäische Lärche, eine alpine Baumart.

 

Das Kronendach dieser Mischwälder ist dem Wuchs und Alter nach unterschiedlich gestuft und nicht einheitlich geschlossen.

 

Nur durch den mehr oder weniger dichten Schluss dieser Bäume oder Waldteile kann ein eigenes Waldbinnenklima entstehen, das allein sowohl den autonomen und optimalen Zersetzungsprozess der anfallenden Biomasse (Zweige, Nadeln, Laub, usw.) garantiert, als auch den Wald ohne Zutun des Menschen wachsen lässt (Verjüngung, Aufwachsen, Reife). In dieses autonome Prozessgefüge greift der Mensch nur regelnd ein. Der naturnahe Wald ist ein Dauerwald.

 

Die natürlichen Prozesse sichern dabei nicht nur die Nachhaltigkeit des Waldes und die stetige Lieferung des Rohstoffes Holz. Sie schaffen auch eine optimale Vielfalt an Pflanzen und Tieren. Es ist trotz Nutzung ein naturnahes Ökosystem. Das ist in keinem gleichaltrigen, gleichstufigen Wald aus einer Baumart, z. B. allein mit der Fichte, erreichbar.

Alle Stoffumsetzungen, die Humusbildung, das gesamte ökologische Wirkungsgefüge zwischen Boden und  Klima, Flora und Fauna, einschließlich der Bäume, sind optimiert. Auf Biozide wird bis auf Notfälle verzichtet. Ertragsdüngungen gibt es nicht.

Im naturnahen Wald wird das Waldwachstum auch sicherer gegen biologische und klimatische Schäden (Insekten, Pilze, Sturm , Schnee, usw.).

 

Die Wohlfahrtswirkungen steigen, vor allen die Schutzfunktionen (hier bei uns besonders Klima- und Wasserschutz).

Ebenso hoch ist der Erholungswert naturnaher Wälder mit ihrer Ruhe und ihrer natürlichen Vielfalt und der überragend positiven Prägung der Landschaft zu beurteilen.

 

Der naturnahe Wald ist multifunktional.

 

Die nachhaltigen und stetigen Holzerträge könnten immer genutzt werden. Damit entfällt der einzige Erntezeitpunkt wie im gleichaltrigen Wald, der bei Hiebsreife kahl genutzt wird. Das ist ein wirtschaftlicher Liquiditätsvorteil auch für die Bewirtschaftung kleinerer Waldflächen.

Dies wäre nie mit den gleichaltrigen gleichförmigen Nadelreinbeständen und ihren Kahlschlägen zu erreichen, wo z. B. sowohl der Regen rascher abfließt, als auch der Schnee ganz rasch schmilzt usw.

 

Die ausgeklügelte Holzernte durch Fachleute, - hier sind Förster gefragt - verhindert dann auch bei der Ernte des Holzes die desaströsen ökologischen und optischen Wirkungen, die großdimensionierte Kahlschläge im gleichaltrigen Wald, in der Landschaft und reine Exploiteure in unseren herkömmlichen Wäldern immer wieder und immer noch hinterlassen.

  

Zusammenfassung:

 

Der Wald unseres Kulturkreises sieht sehr unterschiedlich aus. Wir können einerseits in Schutzgebieten urwaldähnliche Waldformen antreffen, auf der anderen Seite finden wir in unserer Landschaft plantagenartige Reinbestände.

Dazwischen stehen alle die gleichartigen und gleichaltrigen Wirtschaftswälder, die unsere Landschaft eigentlich prägen.

 

Jedoch haben sie in der Regel ein überdurchschnittliches Produktionsrisiko gegenüber dem Urwald. Sie wachsen von vornherein nicht immer optimal und die Nachhaltigkeit des Ökosystems ist gegenüber dem Urwald nicht immer gesichert.

 

Da der naturnahe, multifunktionale Wald alle Funktionen eines Waldes bietet oder gewährleistet, ist er der unverzichtbare Ausgleichsraum schlechthin in unserer überwiegend industriell strukturierten und funktionierenden Landschaft. Ihn zu sichern und zu schaffen, ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe; denn Waldflächen nehmen rund ein Drittel der Landesfläche ein.

 

Martin Küppers, FD i. R., Lichtenberg, Dezember 2011